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Selbständigkeit im Fokus

19.11.2010 - St. Sixtus-Hospital Haltern am See

 


Geriatrie ist Teamarbeit: Dr. Thomas Thies (r.) mit Kathrin Lueg (l.) und Mechthild Schult (2.v.r.).

St. Sixtus-Hospital startet das Projekt „Geriatrische Komplexbehandlung“


Wer jung und gesund ist, hat in der Regel keine Probleme, einen Krankenhausaufenthalt zu verkraften und schnell wieder in den Alltag zurückzukehren. Ganz anders sieht es hingegen bei älteren Menschen aus: „Wenn sie zum Beispiel wegen eines Schlaganfalls, eines Knochenbruchs oder einer Lungenentzündung im Krankenhaus behandelt werden, besteht die Gefahr, dass die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit nachlässt“, weiß Dr. Thomas Thies, Internist, Geriater und Oberarzt der Klinik für Innere Medizin am St. Sixtus-Hospital. Um möglichen Funktionseinbußen vorzubeugen, startet das Halterner Krankenhaus unter Leitung von Thies jetzt die so genannte „Geriatrische Komplexbehandlung“. Mit ihr verfolgen Mediziner und Therapeuten bei ihren betagten Patienten zwei Ziele: Sie wollen die akute Erkrankung in den Griff bekommen und nach Möglichkeit die Selbständigkeit der Patienten erhalten. „Studien haben gezeigt, dass das Programm erfolgreich ist: Viele Menschen können weiter zu Hause leben und müssen nicht in ein Pflegeheim eingewiesen werden. Außerdem sinkt die Zahl derjenigen, die einen erneuten Krankenhausaufenthalt benötigen. Und, besonders wichtig: Die Mobilität der Patienten verbessert sich deutlich, so dass auch die Häufigkeit an Stürzen zurückgeht“, so Thies.

Alles Gründe, die den Krankenhausträger veranlassten, die Kliniken verstärkt auf die Bedürfnisse geriatrischer Patienten auszurichten und das Konzept der Geriatrischen Komplexbehandlung im Halterner Krankenhaus einzuführen. Unterstützung bei der Vorbereitung und Implementierung kam dabei aus dem Westerholter Partnerkrankenhaus, das schon seit vielen Jahren über eine eigene geriatrische Abteilung mit hoher Fachkompetenz verfügt. Dr. Karl Ott, leitender Arzt der Geriatrie im Gertrudis-Hospital, wird den Aufbau der neuen Behandlungsform auch künftig weiter begleiten.


Wie sieht die Geriatrische Komplexbehandlung nun in der Praxis aus? Und vor allem: Für wen kommt sie in Frage? Das wird mit Hilfe des Geriatrischen Assessments geklärt. Künftig werden von allen Menschen, die im St. Sixtus-Hospital aufgenommen werden und über 75 Jahre alt sind, Daten zur Mobilität, zur geistigen Leistungsfähigkeit und zur selbständigen Versorgung erhoben. So will man  Beeinträchtigungen frühzeitig erkennen. Auch das soziale Umfeld wird mit verschiedenen Fragen in den Blick genommen: Wie wohnen die Patienten? Allein oder in einer Familie? Müssen sie Treppen steigen, um zur Wohnung zu gelangen? Können sie sich selbst versorgen, oder werden sie von einem Pflegedienst unterstützt? Leiden sie unter einer Depression oder unter Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen?


Auf Grundlage dieser Daten entscheidet sich, welche betagten Frauen und Männer von der Geriatrischen Komplexbehandlung besonders profitieren. Zurzeit stehen im St. Sixtus-Hospital auf einer Station acht Betten zur Verfügung, wo sich besonders geschultes Pflegepersonal um die Patienten kümmert. Die gewonnenen Daten aus dem Assessment bilden die Grundlage für den Therapieplan, der anschließend für jeden Patienten individuell erarbeitet wird. Ein Beispiel: Wohnt ein Patient zum Beispiel in der ersten Etage und ist in dem Haus kein Aufzug vorhanden, dann muss er Treppen steigen können. „Um die Therapieziele festzulegen, stellen wir drei Fragen: Was können die Patienten momentan? Was müssen sie können, um wieder selbständig zu leben? Und was wollen sie selbst?“, fasst Thies zusammen.
Damit die Patienten die gewünschten Ziele schnell erreichen, arbeiten Mediziner, Therapeuten (Physio- und Ergotherapeuten sowie Logopäden), Pflegekräfte und Sozialarbeiter eng zusammen. „Geriatrie ist Teamarbeit“, erklärt der Mediziner. Einmal wöchentlich trifft sich das Team, um die Behandlungsziele für jeden einzelnen Patienten in einem Wochenplan festzulegen. Bei der nächsten Sitzung wird überprüft, ob diese Vorgaben erreicht wurden oder gegebenenfalls korrigiert werden müssen.


Ein wichtiges Fundament der Geriatrischen Komplexbehandlung ist die sofortige Mobilisierung der Patienten. Denn wer ausschließlich im Bett liegt, dem geht schnell  Muskelmasse verloren. Das erschwert das Ziel, schnell wieder zu Kräften zu kommen. „Bed ist bad“, lautet daher eine Maxime. Das heißt für die Pflegekräfte: Aktivieren, wo immer es geht. „Was die Patienten selbst können, sollen sie auch selbst tun“, lautet die pflegerische Vorgabe. Das erfordert von den Schwestern und Pflegern viel Zeit und Geduld.


Neben Medizinern und Pflegekräften tragen auch die Therapeuten im St. Sixtus-Hospital entscheidend zum Behandlungserfolg bei. In der Krankengymnastik trainieren die Patienten zum Beispiel Kraft und Gleichgewicht, üben – je nach Krankheitsbild – Aufstehen, Sitzen oder Stehen und den Umgang mit Hilfsmitteln, wie zum Beispiel einem Rollator. In der Ergotherapie steht der häusliche Alltag im Mittelpunkt: Hier wird etwa An- und Ausziehen oder die Körperpflege geübt. Manchmal schließt das auch ein, vorhandene Fähigkeiten neu einzusetzen. Wenn etwa nach einem Schlaganfall eine Seite gelähmt ist, dann trainieren die Patienten auch die gesunde Seite und lernen, wie man sich etwa als Rechtshänder mit links versorgen kann. Die Logopädie wiederum ist für Patienten da, deren Sprach- und Sprechvermögen durch die Krankheit beeinträchtigt  ist oder die unter Schluckstörungen leiden. Dies ist häufig bei neurologischen Erkrankungen (z. B. nach einem Schlaganfall oder bei Morbus Parkinson) der Fall.


Zwischen zwei und drei Wochen kann eine „Geriatrische Komplexbehandlung“ dauern. Für einige Patienten schließt sich eine Rehabilitation an. Andere werden von den Therapeuten im St. Sixtus-Hospital ambulant weiter behandelt. Thies: „Unser Anspruch ist, die Patienten nach der Entlassung nicht allein zu lassen. Und dazu gehört auch, dass wir über den Krankenhausaufenthalt hinaus unsere Patienten beraten und rechtzeitig konkrete Hilfe organisieren.“


Hintergrund: Wer ist ein geriatrischer Patient? Und wie stellt man dies fest?
Eine geriatrische Komplexbehandlung kommt betagten Patienten zugute, die multimorbide sind, das heißt an verschiedenen Erkrankungen gleichzeitig leiden. Diese Patienten haben bereits erkennbare Beeinträchtigungen im körperlichen, geistigen oder emotionalen Bereich oder sie laufen aufgrund ihrer Krankengeschichte Gefahr, Funktionseinschränkungen zu erleiden. Bei diesen Patienten steht im Rahmen eines klinischen Aufenthaltes also nicht nur ein körperliches Problem im Vordergrund, sondern es werden mehrere, sich gegenseitig negativ verstärkende Erkrankungen therapiert.

Am Anfang der Behandlung steht eine umfassende Untersuchung. Sie nimmt nicht nur das akute gesundheitliche Problem in den Blick, sondern erfasst auch die begleitenden Erkrankungen sowie die vorhandenen Ressourcen und Defizite. Wichtig ist herauszufinden, ob der alte Mensch beispielsweise
- mobil oder immobil, gehbehindert oder sturzgefährdet ist
- Hilfsmittel wie Gehstützen, Rollator, Rollstuhl oder ein behindertengerechtes Bett benötigt
- sich selbst versorgen kann (d. h. ankleiden und die Körperpflege durchführen) oder ob ihm gegebenenfalls versorgende Angehörige oder ein ambulanter Dienst zur Seite stehen
- kontinent ist
- sich orientieren kann
- über ein funktionierendes Gedächtnis verfügt oder bereits Einbußen zu erkennen sind
- an einer Depression oder einer anderen psychischen Erkrankungen leidet, die mit behandelt werden muss.


Hintergrund: Die Geriatrische Komplexbehandlung
Die Geriatrische Komplexbehandlung zielt darauf, den Patienten wieder in die Lage zu versetzen, sich selbst zu versorgen oder, wenn dies nicht möglich ist, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass er zu Hause mit Hilfe Anderer versorgt werden kann. Dazu sind neben der medizinischen Behandlung auch intensive Trainingsmaßnahmen  erforderlich. Ein solches Trainingsprogramm, das standardisiert ist und das parallel zur medizinischen Behandlung eines Patienten durchgeführt wird, nennt man eine Geriatrische Komplexbehandlung. Eine durchschnittliche Behandlung umfasst mindestens 20 Therapieeinheiten von rund 30 Minuten und geht über einen Behandlungszeitraum von mindestens 14 Tagen. Jeden Tag sind zwei Trainingseinheiten vorgesehen. Geleitet wird das therapeutische Team von einem Geriater. Medizinische und therapeutische Behandlung werden ergänzt durch aktivierende Pflege. Sie setzt das, was die Patienten in den Therapien lernen, im weiteren Tagesverlauf fort. In regelmäßigen, mindestens einmal wöchentlich stattfindenden Konferenzen müssen die Therapiefortschritte überprüft und weitere Maßnahmen festgelegt werden.


© 2013  Katholisches Klinikum Ruhrgebiet Nord GmbH  •  Stand: 14.12.2009 - 14:44