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„Den Tagen mehr Leben geben“
22.10.2010 - Marien-Hospital MarlMarien-Hospital Marl nimmt Palliativeinheit in Betrieb
Kaum etwas erinnert hier an ein Krankenhaus: Wer die neu eingerichtete Palliativeinheit im 1. Obergeschoss des Marien-Hospitals aufsucht, hat eher das Gefühl, eine Wohnung zu betreten. Die Fußböden zeigen Parkettoptik, die Zimmer sind mit hellen Holzmöbeln eingerichtet, die Wände statt in Weiß in einem warmen Beige gestrichen. Zur Wohnlichkeit tragen auch eine Sitzecke und eine komplett eingerichtete Küche bei, in der sich Patienten und vor allem Angehörige selbst versorgen können. „Wer als Patient hier aufgenommen und behandelt wird, weiß, dass die Palliativeinheit keine Sterbestation ist. Wir können die Krankheit zwar nicht mehr heilen, aber mit einer guten Schmerztherapie die Beschwerden so weit lindern, dass es den Menschen deutlich besser geht“, erklärt Dr. Iris Borchmeyer, Oberärztin der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und ausgebildete Palliativmedizinerin. Sie übernimmt die medizinische Leitung dieses Bereichs. Unterstützt wird sie von Sr. Monika Dammer. Die ausgebildete Palliativfachkraft verantwortet die pflegerische Leitung der kleinen Einheit. Die beiden Frauen arbeiten eng mit einem Team aus unterschiedlichen Berufsgruppen zusammen: Mediziner, speziell geschulte Pflegekräfte, Physiotherapeuten, Seelsorger, Sozialarbeiter und eine Psychoonkologin betreuen und begleiten die Patienten und ihre Angehörigen.
Sechs Betten in zwei Doppel- und zwei Einzelzimmern stehen für die Versorgung der schwer kranken Menschen zur Verfügung. Am Anfang der Behandlung erfolgt eine differenzierte Problemanalyse: Unter welchen Symptomen leiden die Patienten? Das können zum Beispiel starke Schmerzen, Luftnot, beständiges Erbrechen, Appetitlosigkeit, Durchfall, eine chronische Verstopfung oder nicht heilende Wunden sein. „Unsere Aufgabe besteht dann darin, die Symptome der Patienten so in den Griff zu bekommen, dass die Lebensqualität wieder verbessert wird und die Menschen möglichst wieder nach Hause in ihre vertraute Umgebung zurückkehren können“, sagt Dr. Christoph König, Chefarzt der Klinik für Allgemeine Innere Medizin.
Für die Linderung der Beschwerden zu sorgen, ist aber nur ein Teil im Behandlungskonzept. Der andere ist, die psychosozialen Aspekte der Krankheit zu berücksichtigen und auch die spirituellen Bedürfnisse der Patienten ernst zu nehmen. Denn unheilbar kranke Menschen haben Ängste und Fragen, die um Leid, Tod und Sterben kreisen. Die Mitarbeiter müssen bereit sein, Patienten und ihre Angehörigen dabei zu begleiten. Damit dies gelingen kann, verfügen alle Teammitglieder über viel Erfahrung und Sensibilität in der Betreuung schwer kranker Menschen.
Auf die Wünsche jedes einzelnen Patienten einzugehen, ist ein Grundsatz der Palliativeinheit. Das setzt voraus, dass man viel über den kranken Menschen weiß und seine Lebensgewohnheiten kennt. „Wer zum Beispiel morgens lieber länger schläft, kann dies gerne tun. Er wird von uns erst dann geweckt, wenn er es möchte“, erläutert Sr. Monika Dammer. Auch dies ist eine Besonderheit der Palliativeinheit: Einen festen und streng geregelten Tagesablauf, wie man ihn von anderen Krankenhausstationen kennt, wird man hier nicht finden.
Hintergrund Palliativmedizin
Palliativmedizin beschäftigt sich mit der Betreuung und Begleitung von schwer kranken Menschen in der letzten Lebensphase. Der Name leitet sich vom lateinischen pallium (Mantel) ab. Wie ein Mantel sollen Schmerztherapie und psychosoziale Betreuung den Todkranken umhüllen. Die Palliativmedizin bejaht das Leben und sieht das Sterben als einen natürlichen Prozess. Sie lehnt aktive Sterbehilfe in jeder Form ab. In der Regel bleiben die Kranken rund 14 Tage zur Behandlung auf der Palliativeinheit. Danach kehren sie sie wieder in ihr häusliches Umfeld zurück. Das ist auch der wesentliche Unterschied zum Hospiz: Während hier das würdevolle Sterben im Mittelpunkt steht, liegt das Ziel der Palliativmedizin in einer Stabilisierung des Gesundheitszustandes, um den Kranken eine Rückkehr in die gewohnte Umgebung zu ermöglichen. Cicely Saunders, eine englische Ärztin, Sozialarbeiterin und Krankenschwester, die als Begründerin der modernen Hospizbewegung und Palliativmedizin gilt, drückte dies folgendermaßen aus:
„Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben,
sondern den Tagen mehr Leben.“

