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Die bessere Hälfte ist übrig geblieben
15.07.2010 - Marien-Hospital MarlAndreas Greiner hat seit Januar 2008 insgesamt 128 kg abgenommen/ In der 127. Woche seines neuen Lebens
Andreas Greiner (41) ist nicht mehr das, was er einmal war. Er ist nicht einmal mehr die Hälfte dessen, was er einmal war. Und das macht ihn glücklich. Bis zum, 3. Januar 2008 hätte der IT-Unternehmer es mit jedem schweren Tourenmotorrad aufnehmen können: 240 Kilo wog er, das ist lebensgefährlich. Heute wäre er mit seinen 112 Kilo gerade noch gegen einen Roller aufzuwiegen. Und glücklich ist er, glücklicher, als er sich je hätte träumen lassen.
Wer heute mit dem Marler IT-Unternehmer über alte Zeiten redet, muss das Gefühl bekommen, er habe es mit einem anderen Menschen zu tun. Der Andreas Greiner vor der Kilo- Wende – das war ein Mensch, der mit seinem Extrem-Gewicht kaum mehr in der Lage war, seinen Körper zu bewegen. Jeden vermeidbaren Weg vermied er, stand nur auf, wenn es unbedingt nötig war. Dass es nicht so weiter gehen konnte, war Greiner klar. Irgendwann folgten den Gedanken Taten. Und das auf eine Weise, wie ein Computer-Fachmann eben Probleme löst: Greiner schaute sich mögliche Konzepte an, entschied sich für eines – das Optifast- Programm im Marien-Hospital – und zog die Sache durch. Und zwar eisern. Gradlinig.
Der erste Erfolg kam fast von alleine: “Ich wollte keine 2 mehr beim Gewicht vorn stehen haben. Das war nach 10 Wochen erreicht.“ Doch jeder, der schon mal abgenommen hat, weiß: Das geht in diesem Tempo nicht weiter. Greiners nächstes Ziel: “Ich wollte unter 150 Kilo kommen, keine drei Zentner mehr wiegen. Dafür reichte das Programm im Krankenhaus nicht aus. 2009 meldete er sich für eine zweite Diät-Phase an. Kurz nach deren Beginn war auch diese Gewichtshürde genommen.
Die nächste Station klang schon etwas tollkühn: “Ich wollte mich halbieren.“ Die Hälfte seines Ausgangsgewichts – 120 Kilo schaffte Greiner auch in der zweiten Programm-Runde nicht. Er beendete sie im August 2009 mit 124 kg. Und er erlebte seine Grenzen: Das glaubt man nicht – aber für diese 4 Kilo habe ich sechs Monate gebraucht.“ Trotzdem hielt er durch, knackte auch noch diese Grenze, gönnte sich noch ein paar Kilo weniger – und steht jetzt an einer Grenze, die er nicht mehr so leicht unterschreiten kann. Denn: Messungen ergaben, dass der halbierte Mann noch 15 bis 16 Kilogramm Fett in seinem Körper träg – so wenig wie ein Leistungssportler. Trotzdem ist Greiner noch weit von seinem Normalgewicht (80 kg oder etwas mehr) entfernt. Das Problem, das mit Diäten und Sport nicht zu lösen ist: Sein Körper hat zwar Unmengen von Fett abgebaut, aber nur einen Teil der überflüssigen Haut. Greiner: „Ich bin in einer Hüpfburg aus Haut. Bei Frauen bildet sich das zurück, wenn sie einen Säugling ausgetragen haben. Bei mir war das ein Erwachsener.“
Dass er 128 Kilo abgenommen und damit noch immer nicht all seine Probleme gelöst hat – „das ist schon bedrückend“. Seine Erfahrung beim Kleiderkauf:“ Ich bin noch unförmiger als früher. Nichts passt richtig.“ Bei Hosen hat er seit Januar 2008 insgesamt 18 (!) Größen durchquert, muss jetzt aber, obwohl schlank, spezielle Unterbauchhosen tragen. Zu lösen wäre dieses Problem allein durch Operation(en). Diese Prozedur würde 15- bis 20000 Euro kosten und komplett zu seinen Lasten gehen. Greiner ist privat versichert und musste schon darum kämpfen, dass ein Drittel der Abnehmkosten übernommen wurde. Mehr war nicht drin:“ Die sagen Ihnen: Sie bluten ja nicht, es droht keine Gefahr für Leib und Leben. Also zahlen wir nicht.“
Doch solche Frust-Momente sind für den Neu-Schlanken nur ein Wermutstropfen in einem See des Glücks. Andreas Greiner hat sein Leben neu entdeckt, ist beweglich, mit Einschränkung sportlich, obwohl er Sport eigentlich langweilig findet („…gucke ich mir nicht mal im Fernsehen an…“). Trotzdem : Bei schönem Wetter fährt er jeden Tag mit dem Fahrrad zehn Kilometer zur Arbeit und die gleiche Strecke wieder zurück. Bei schlechtem Wetter schwimmt er drei- bis viermal pro Woche. Einkaufen geht er prinzipiell nur zu Fuß. Das alles sind für ihn reine Vernunft-Entscheidungen: “Der innere Schweinehund ist nicht kleiner geworden“- er liegt lieber auf dem Sofa.
Als analytischer Mensch weiß Greiner, dass mit dem Abnehmen das Problem noch lange nicht gelöst ist: „Den Sprint habe ich jetzt durchgezogen, jetzt geht es mit dem Dauerlauf weiter.“ Mit anderen Worten: Jetzt muss er es schaffen, sein neues Gewicht zu halten. Und das geht nicht ohne Disziplin: Sein Essen etwa bringt er sich von zu Hause mit – mal einen Salat, mal etwas Gemüse, mal ein Butterbrot.
Vorbei sind die Zeiten, als er sich am späten Abend im Vorbeigehen noch schnell einen Döner oder eine Pizza kaufte. Und vorbei sind auch die Zeiten, als er feuchte Augen bekam, wenn seine Kollegen oder Freunde in die Fast-Food-Tüte greifen. Heute kann er entspannt zusehen, wenn Hamburger und Pommes frites auf dem Schreibtisch liegen. Ganz nebenbei hat Greiner entdeckt, dass nicht immer alles was gut schmeckt, auch ungesund sein muss: „ Ich esse neuerdings richtig gern weiße Bohnen. Die hätte ich früher nicht angeguckt.“ Und noch etwas hat der EDV-Experte gelernt: Essen ist nicht immer die Antwort auf Hunger, oft nur Ersatzbefriedigung. Greiners ärgster Feind im Kampf mit den Kilos ist nicht der Hunger, sondern die Langeweile: „Ich brauche jeden Tag die Befriedigung, etwas Neues gelernt zu haben.“ Fehlt sie, das weiß er heute, ist Pizza und Sahnetorte nicht der richtige Ersatz.
Einen Weg zurück gibt es nicht für den halbierten Mann. Den größten teil der Klamotten die er sich seit Beginn der Abnahme („ich bin in der 127. Woche…“) kaufen musste, hat er verschenkt. Eine einzige Hose aus ganz alter Zeit hängt noch im Schrank – als Warnung. Der dazu passende Gürtel ist auch noch da. Heute wäre er einen Meter zu lang für Andreas Greiner. Gern und regelmäßig trifft sich Greiner mit früheren Leidensgenossen, Menschen die immer noch an extrem starkem Übergewicht leiden: “Mit denen führt man ganz andere Gespräche als mit anderen.“ Die Erfahrung der Radikalabnahme hat den Computer-Fan, den kühlen Rationalisten, ein wenig auch zum Lebensphilosophen gemacht:“Es war ein sehr langer Weg. Aber jeder lange Weg beginnt ja mit dem ersten Schritt.“


