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Marien-Hospital - Zu schnell unterm Messer?

17.07.2017 - Katholisches Klinikum Ruhrgebiet Nord, Marien-Hospital Marl

Autor: Medienhaus Bauer


Zu schnell unterm Messer?

Bertelsmann-Studie über steigende Zahl an Rücken-OPs stößt auf Kritik heimischer Mediziner

 

Kreis RE. Diagnose Rücken: Irgendwann ist der Schmerz so stark, da hilft nur noch der Gang zum Arzt. Was danach passiert, darüber hat die Bertelsmann-Stiftung eine Studie erstellt. Ihr Ergebnis: Patienten mit Rückenschmerzen landen immer häufiger auf dem OP-Tisch. Merkwürdig sei, dass das nicht für alle Regionen in Deutschland gleichermaßen gilt, so die Forscher. Starke regionale Unterschiede ließen sich nicht medizinisch erklären, außer mit gewissen "Gewohnheiten" ortsansässiger Ärzte. Mediziner aus dem Kreis Recklinghausen aber lassen diesen Vorwurf nicht auf sich sitzen.

Die Bertelsmann-Forscher zählten im Jahr 2015 insgesamt 611000 Krankenhausaufenthalte wegen Erkrankungen der Wirbelsäule und des Rückens. Das sind 154 000 Fälle mehr als 2007, ein Plus von 34 Prozent. Im gleichen Zeitraum ist die Zahl aller stationären Behandlungen nur um zwölf Prozent gestiegen. Auch die Zahl der operativen Eingriffe nahm zu: 2015 gab es bundesweit 772 000 Eingriffe wegen Rückenbeschwerden. Zum Vergleich: 2007 waren es 452 000. Das ist ein Plus von 71 Prozent! Dabei gibt es je nach Region große Unterschiede. Hamm ist mit seinen 2015 noch sechs Kliniken - darunter das nach eigenem Bekunden größte Schmerzzentrum Deutschlands - laut Bertelsmann- Studie die Hochburg bei Wirbelsäulen-Operationen in NRW. Die Bewohner der Stadt mussten im Jahr 2015 bei drei Operationsmethoden, die in der Studie untersucht wurden, mehr als doppelt so viele Eingriffe über sich ergehen lassen wie Menschen, die zum Beispiel im Rhein-Kreis Neuss wohnen. Auch die Bewohner von Minden-Lübbecke, Warendorf, Leverkusen oder Olpe landen deutlich häufiger unter dem Messer als Wirbelsäulenpatienten in Bottrop, Gelsenkirchen oder Essen. Der Kreis Recklinghausen landet im Vergleich zu den NRW-Durchschnittszahlen immerhin noch im Mittelfeld. Bei Bandscheiben-Operationen beispielsweise hat der Kreis Recklinghausen ei- ne Häufigkeit von 223 Fällen je 100 000 Einwohner, der NRW-Durchschnitt liegt bei 201. Bei Dekompressionsoperationen, also einem Eingriff bei "Knöcherner Dekompression des Spinalkanals", liegt NRW im Schnitt bei 150 Eingriffen pro 100 000 Einwohner, der Kreis Recklinghausen aber bei 196 Fällen. Wichtiger Hinweis der Forscher: Dabei seien die Wohnorte der Patienten, nicht Klinikstandorte gezählt worden. Die starken regionalen Unterschiede lassen sich dabei nach Aussage der Forscher nur zu einem kleinen Teil auf objektive Faktoren wie die Zahl der Orthopäden vor Ort zurückführen. Sie seien auch nicht darauf zurückzuführen, dass die Menschen häufiger Rückenprobleme haben. Die Experten nennen andere Ursachen: "Die Zunahme der Eingriffe und die regionalen Unterschiede hängen auch mit den Vorlieben der ortsansässigen Mediziner zusammen", sagte Eckhard Volbracht von der Bertelsmann- Stiftung. "Die Entscheidung sollte aber unabhängig vom Wohnort, finanziellen Interessen und individuellen Vorlieben der ortsansässigen Ärzte fallen", betonte er. Ihm fehlten an der Studie die Differenzierungen bei der Diagnose aus ärztlicher Sicht, sagt dagegen Dr. Hans-Ulrich Foertsch, der Vorsitzende des Verwaltungsbezirkes Recklinghausen der Ärztekammer Westfalen-Lippe. Denn die Entscheidung zu einer Operation hänge nicht allein von der Diagnose ab, sondern auch von den menschlichen Umständen des Patienten: Wie leidet der Mensch, welche Behandlungsalternativen wurden bereits ausprobiert, droht zum Beispiel eine Arbeitsunfähigkeit ohne OP? All solche Aspekte müssten mitberücksichtigt werden, so Dr. Foertsch.

 

Zudem gebe es ja Schwerpunkte bei Krankenhäusern, zum Beispiel in der Altersmedizin, wo Häufungen von Operationen eher möglich seien als anderswo. Deswegen halte er die Studie für nur begrenzt aussagekräftig: "Diese Art von Studien ist eher verwirrend." In einem ist er sich mit den Experten der Studie aber einig: Wer als Patient Zweifel hegt, der sollte immer eine Zweitmeinung einholen. Der Chefarzt der Klinik für Chirurgie, Unfall- und Wirbelsäulenchirurgie am Marler Marien-Hospital, Priv.-Doz. Dr. Marc Röllinghoff, kritisiert an der Studie, dass sie die Spezialisierungen von Orthopäden und Chirurgen nicht genügend berücksichtige. Und er führt als Beweis sein eigenes Beispiel an: Seitdem er 2016 Chefarzt am Marien- Hospital sei, sei eine regelmäßige Wirbelsäulensprechstunde etabliert worden. Als Qualitätsmerkmal würden alle behandelten Patienten im Register der Deutschen Wirbelsäulen Gesellschaft (DWG) geführt. "Somit haben auch in unserer Abteilung die Behandlungen von Wirbelsäulenpatienten zugenommen", berichtet Dr. Röllinghoff. Die Studie der Bertelsmann- Stiftung betrachte auch nicht die Vielzahl weiterer Behandlungsmöglichkeiten bei Wirbelsäulenerkrankungen. Auch ihm fehle der Hinweis, ob die Patienten eine womöglich gescheiterte Vorbehandlungen hatten.

-> www.bertelsmann-stiftung.de/themen/gesundheit-aktivieren/gesundheitsversorgung

 

Drei Fragen an Priv-Doz. Dr. Marc Röllinghoff

 

Wie erklären Sie die regionalen Unterschiede bei Rücken-OPs?

Regionale Unterschiede entstehen durch die unterschiedlichen Spezialisierungen der versorgenden Orthopäden/Unfallchirurgen und Neurochirurgen. Dies führt zu einem Überangebot an Wirbelsäulenspezialisten in z. B. städtischen Regionen, in anderen Regionen müssen Patienten für eine qualitativ hochwertige Wirbelsäulenbehandlung sehr weit fahren.

Was sagen Sie zu dem Fazit der Studie, dass die Entscheidung für eine OP mit "Gewohnheiten" der Ärzteschaft zu tun habe?

Für eine stationäre Einweisung müssen klare Kriterien eingehalten werden. Eine gute OP-Indikation ergibt sich immer aus der individuellen Anamnese des Patienten, einer ausführlichen klinischen Untersuchung und einer aktuellen MRT/CT-Diagnostik. Hierbei werden immer Vor- und Nachteile der verschiedenen Optionen besprochen und bestenfalls mit der aktuellen Studienlage verglichen. Das Wichtigste ist hierbei, ein ehrliches Vertrauensverhältnis aufzubauen.

Ihre Empfehlungen für Patienten mit Rückenschmerzen?

Der normale Rückenschmerz hat häufig seine Ursachen im muskuloskelettalen Bereich: d.h. Blockierungen, Verspannungen jeglicher Art. Hier hilft häufig Bewegung und Aktivität, eine längere Schonung sollte immer vermieden werden. Sollten die Beschwerden länger als drei bis vier Wochen anhalten bzw. unerträglich werden, sollte man seinen Hausarzt aufsuchen, der im Zweifel einen Facharzt hinzuzieht oder eine konservative Therapie einleitet. Bei Ausfallserscheinungen/ Lähmungen sollte eine zügige qualitativ hochwertige Diagnostik (MRT) durchgeführt werden. Je nach Ausprägung der Ausfallserscheinungen kann ein Versuch mit wirbelsäulennahen Spritzen in Kombination mit einer guten Rückenschule vorgenommen werden und damit in vielen Fällen eine Operation vermeiden.

 

 

 


© 2017  Katholisches Klinikum Ruhrgebiet Nord GmbH  •  Stand: 14.12.2009 - 14:44